Auftakt der Baseball-Saison: Um welchen Preis?

Von Randy Wilkins

PNC Park, das Stadion der Pittsburgh Pirates (Flickr-Foto von Joey Gannon).

Unsere Vorstellung von der gesellschaftlichen Rolle des Sports hat viele Facetten. In der einfachsten Ausprägung ist Sport eine Form von Unterhaltung – eine wohltuende Ablenkung von den Strapazen, denen viele von uns tagtäglich ausgesetzt sind. Sportveranstaltungen bieten gemeinschaftliche Erfahrungen, die uns in Erinnerung bleiben. Viele Fans sehen darin den alleinigen Sinn und Zweck des Sportbetriebs: Uns eine kurze und willkommene Verschnaufpause zu verschaffen, bevor wir uns wieder in den Alltagsstress stürzen.

Dass dem nicht unbedingt so ist, macht der steinige Weg zurück zum normalen Sportbetrieb nun schmerzhaft deutlich. In den USA gibt es wohl kaum eine andere Branche, die die Machtspiele der Politik und die damit verbundenen Auswirkungen zuverlässiger widerspiegelt als die Sportindustrie. Noch nie wurde das so offenkundig wie während der Pandemie, die weiterhin in unserem Land grassiert. Das Fehlen eines landesweit koordinierten Vorgehens; das politische Ausschlachten des Virus; das Drängen darauf, die Wirtschaft zu retten – all das hat auch in unserer geliebten Sportwelt Spuren hinterlassen. Wie Sean Dolittle, der berühmte Closer der Washington Nationals, bei seiner ersten Pressekonferenz der Saison so schön sagte: «Sport ist der Lohn einer gut funktionierenden Gesellschaft.» Jetzt, wo der Major League Baseball (MLB) wieder zaghaft seinen Betrieb aufgenommen hat, steht weiterhin die Frage im Raum: Sollten in Amerika dieses Jahr Sportveranstaltungen stattfinden?

Als die National Basketball Association (NBA) ihre laufende Saison abbrach, nachdem man Rudy Gobert, den Center der Utah Jazz, positiv auf COVID-19 getestet hatte, war das ein klarer Wendepunkt im Umgang der USA mit dem Coronavirus. Bis dahin hatte man das Virus überwiegend als Problem wahrgenommen, das nur Europa und Asien betrifft. In dem Augenblick, als die Teams der Utah Jazz und Oklahoma City Thunder fluchtartig das Spielfeld verließen, während der Spielkommentator die Fans dringend dazu aufforderte, sich zum Ausgang zu begeben, spätestens da wurde klar, dass das Virus auch die USA erreicht hat. Keiner wusste, ob und wann Sportveranstaltungen dieses Jahr wieder stattfinden würden – was die Verbände jedoch nicht davon abhielt, ihren Vorstoß zu wagen, denn schließlich ist extrem viel Geld im Spiel. 

Nachdem die Frühjahrstrainingslager am 13. März unterbrochen wurden, trafen der MLB und die Spielervereinigung am 26. März eine Vereinbarung, die eine spezielle Gehaltsstruktur vorsah und die die Bedingungen festlegte, unter denen der Spielbetrieb wiederaufgenommen werden kann. In der Vereinbarung wurde geregelt, dass Spieler anteilige Gehälter erhalten, je nach Anzahl der von ihnen absolvierten Saisonspiele; dass der MLB Draft von 40 auf 5 Runden reduziert wird; dass allen Spielern, die zum Ligakader gehören, die Saison als volle Spielzeit angerechnet wird (die absolvierte Spielzeit entscheidet darüber, wer vertragsloser Spieler, sog. «Free Agent», werden kann); und dass der MLB-Kommissar Rob Manfred einseitig über die Zahl der Saisonspiele entscheiden darf, falls der Verband und die Spielervereinigung sich nicht einigen können. Im März schien die Vereinbarung noch wie eine vernünftige Lösung, die sowohl den Interessen der unmittelbar Beteiligten als auch gesellschaftlichen Belangen Rechnung trug.

Doch dann kam der Mai. Alles deutete immer mehr darauf hin, dass Baseballspiele dieses Jahr tatsächlich wieder stattfinden können. Für den Verband schien zu dieser Zeit die größte Herausforderung, ein überzeugendes Sicherheitskonzept auszuarbeiten. Allerdings ist die Sportwelt, wie wir immer wieder gesehen haben, ein Spiegelbild unserer Gesellschaft: Wie auch viele Konzerne in Milliardärshand die Pandemie ausgenutzt haben, um Löhne zu drücken und Profite zu steigern, war der MLB hier keine Ausnahme.

Nachdem der Verband eingewilligt hatte, die Wiederaufnahme des Spielbetriebs nur ohne Publikum zuzulassen, stellte sich der MLB als finanziell gebeutelt dar und forderte Nachbesserungen an der Vereinbarung vom März. Statt sich auf verlässliche Testverfahren und Sicherheitsmaßnahmen zu konzentrieren, begab sich der MLB mit der Spielervereinigung in Gehaltsverhandlungen. Die Rückkehr zum Baseball hing nun davon ab, ob es gelingt, sich auf faire Gehälter zu einigen, und davon, wie sich die Beziehungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern künftig gestalten würden. Während das Land in Arbeitslosigkeit versank, wurden wir Zeuge davon, wie sich Milliardäre mit Millionären über Unsummen von Geld stritten. Es schien, als würde die Rückkehr zum Baseball ausschließlich am Geld scheitern und nicht an Sicherheitsbedenken. Warum auch sollte sich irgendwer für Sicherheit interessieren?

Am 25. Mai 2020 wurde dann George Floyd von vier Polizisten in Minneapolis getötet, was eine beispiellose Protestwelle quer durch die Gesellschaft ausgelöst hat. Der pandemiebedingte Lockdown führte dazu, dass das gesamte Land von Floyds Tod erfuhr und den Rassismus in unserer Gesellschaft hinterfragte. Für viele war es ein Erwachen. Von da an kam es zu allen möglichen Formen von Protest. Doch während sich diese soziale Bewegung entfaltete, feilschte der MLB weiterhin um die Spielergehälter. Als sich die Proteste dann auf alle 50 Bundesstaaten ausweiteten, machte MLB-Kommissar Rob Manfred sogar noch ein Angebot, dass deutlich unter dem Gehaltsniveau lag, das den Spielern eigentlich zustehen würde.

Der MLB hat nach Floyds Tod neun Tage gebraucht, um ein Statement zum systemischen Rassismus in den USA zu veröffentlichen. Der systemische Rassismus im Baseball wurde darin mit keinem Wort erwähnt, und seitdem ist auch kein weiteres Statement gefolgt. Während die NBA und die National Football League (NFL) sich mehrfach zum Rassismusproblem in Amerika geäußert haben, kehrte der MLB zu seinem Schweigen zurück. Baseballspieler, egal welcher Herkunft, haben durch verschiedene Formen des Protests klar Stellung zu diesem Problem bezogen. Der MLB hingegen machte weiter Business as usual.

Dieses Business kommt nun nicht aus den Schwierigkeiten heraus. Der MLB erzwang letztlich eine Saison mit 60 Spielen, die am 23. Juli eröffnet wurde. Das Sicherheitskonzept, um den sicheren Spielablauf zu gewährleisten, wurde überhastet umgesetzt. Doolittle meinte, MLB und Spielervereinigung hätten sich dermaßen erbittert über das Geld gestritten, dass die Themen Gesundheit und Sicherheit dabei auf der Strecke blieben. Vollends aus dem Ruder lief die Situation dann in der ersten Woche des MLB Summer Camps, einer kürzeren Variante des Frühjahrstrainingslagers. Dort gab es eine Reihe von Problemen mit den COVID-19-Tests, die die Teams vom Training abhielten. Die fehlende Einhaltung der Sicherheitsvorkehrungen gefährdete damit unmittelbar das Prinzip der Weetbewerbsintegrität. Die Spieler konnten nicht trainieren und sich nicht auf die verkürzte Saison vorbereiten. Der MLB, aber auch andere Verbände wandern hier auf einem sehr schmalen Grat, wenn sie ihre Spieler ausreichend testen lassen wollen, ohne dabei der Öffentlichkeit Ressourcen streitig zu machen. Das ist eine sehr heikle Situation, die sich bestenfalls noch mindestens bis zum Jahresende hinziehen wird.

Die Sportwelt im Jahr 2020 ist kompliziert. Wir sind erschöpft von der Pandemie, trotzdem müssen wir noch viel zu unserem Leben mit COVID-19 dazulernen. Wir neigen ganz natürlich dazu, Zuflucht in vertrauten Dingen zu suchen. Dazu zählt fraglos auch der Sport. Doch es ist unglaublich schwierig, zwischen der heutigen Realität und unserer geliebten Sportwelt eine Trennlinie zu ziehen. Wieder einmal erlebten wir die uns leidlich bekannten Machtspiele ums Geld – was uns daran erinnerte, dass Konzerne sich nur dann um gesellschaftliche Fragen scheren, wenn sie unter Reaktionsdruck gesetzt werden. Jetzt, wo die Dinge sich scheinbar allmählich ändern, sollen wir da wieder so weitermachen wie bisher?

Während wir nun dabei zuschauen, wie der Sportbetrieb zögerlich wieder seinen Betrieb aufnimmt, bleibt das unsichtbare Virus unübersehbar. Das eingespielte, künstliche Jubeln des Publikums und der Anblick von Spielern mit Gesichtsmasken haben etwas sehr Beklemmendes. Als glühender Sportsfan ist es mir schon immer schwergefallen, mir ein Leben ohne Sportveranstaltungen vorzustellen. Doch der Lockdown hat mir gezeigt, dass es tatsächlich möglich ist. Vor allem aber habe ich gelernt, dass vielleicht gerade jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen ist, all unsere Kräfte zu mobilisieren, um die Missstände in unserer Gesellschaft entschieden anzugehen, anstatt nach Ablenkung zu suchen. 

Randy Wilkins ist Filmemacher, dreifacher Emmy-Gewinner und liebt alles, was mit Sport zu tun hat. 

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