Corona-Post aus New York

Von Andreas Günther.

Manhattans 4. Avenue geht vom Astor Place zum Union Square. Nur sechs Häuserblocks lang, ist sie normalerweise eine der belebteren, geschäftigeren Straßen der Stadt. Als ich sie aber am 2. April entlanglief, war sie leer. Die Polizei hatte einen größeren Teil für Autos gesperrt, um Fußgängern mehr Platz zum Abstandhalten zu geben – allerdings waren auch nicht viele Fußgänger unterwegs. New York, die Stadt, die niemals schläft, ständig voll Bewegung und Energie, war leer wie nie zuvor. Wie konnte das sein? Was war passiert?

Die Auffahrt zur Grand Central Station, an normalen Tagen voll von Taxis. (Foto: Andreas Günther)

Am 31. Dezember 2019, während die ganze Welt das neue Jahr feierte, gab die Provinzregierung in Wuhan, China, bekannt, dass in den Krankenhäusern täglich Dutzende Fälle einer rätselhaften Atemwegserkrankung behandelt würden. Einige Tage später identifizierten chinesische Forscher das neue Virus, das Tausende Menschen infiziert hatte, als Coronavirus. Am 11. Januar 2020 verzeichnete China den ersten Todesfall durch den Virus. 

Zehn Tage später, am 21. Januar, wurde von den ersten bestätigten Fällen aus Südkorea und den Vereinigten Staaten berichtet. Der Fall im Staat Washington, im Nordwesten der Vereinigten Staaten, führte schnell dazu, dass die nördliche Pazifikküste Amerikas erstes Epizentrum des Ausbruchs wurde. In diesem Moment kostete die Entscheidung, ein eigenes Testkit zu entwickeln, weitere zehn Tage, weil Unentschlossenheit, das Herunterspielen der Schwere des Ausbruchs und politische Manöver die Entwicklung des Tests verzögerten. So arbeiteten amerikanische Behörden auf allen Ebenen auf einer völlig unzureichenden Datengrundlage an ihrer Antwort auf die Epidemie.

Doch selbst nachdem ein Test entwickelt war, gab es eine neue Krise – es wurde unzureichend getestet. Es gab nicht genug Testkits für alle, die einen Test brauchten. Es schien, als könnten nur Reiche Tests bekommen. Als endlich in einem nennenswerten Rahmen getestet wurde – nicht etwa im Februar, sondern in der letzten Märzwoche –, explodierten die Zahlen. Zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung, am 12. April, haben die Vereinigten Staaten mehr als 546,341 gemeldete Fällen und über 21,698 Tote. 

Die globale Pandemie traf auf ein völlig unvorbereitetes Gesundheitssystem. In Amerika, wo Krankenhäuser – ob öffentlich oder privat –, im Wesentlich nach Profitgesichtspunkten geführt werden, konnte man einfach nicht auf eine Situation wie diese vorbereitet sein. Auf die Möglichkeit einer Katastrophe eingestellt zu sein würde bedeuten, Vorräte an Ausrüstung und Medikamenten anzulegen und einsatzfähig zu kalten sowie in Krisenzeiten zu verteilen. Es bedeutet nicht nur zu produzieren, was im gegebenen Moment gebraucht wird. Es müsste außerdem eine ausreichende Zahl von Beschäftigten mobilisiert werden können, nicht Belegschaften, die durch eiserne Sparpolitik auf das für unerlässlich gehaltene Maß zusammengeschrumpft sind. Aber das widerspricht fundamental dem gegenwärtigen Geschäftsmodell der Krankenhäuser – Gewinn zu erwirtschaften.

Ein anderes strukturelles Problem ist, dass Millionen von Amerikaner*innen entweder keine oder eine unzureichende Krankenversicherung haben. Das führt dazu, dass der allgemeine Gesundheitszustand im Land schlecht ist. Die Tatsache, dass ein größerer Anteil junger Menschen schwerer am Virus erkrankt, könnte teilweise damit erklärt werden.

Diese Krise hat auch die hinter der glitzernden Fassade von New York verborgenen Widersprüche offengelegt. New York, globale Drehscheibe, Zentrum von Finanz, Kunst und Kultur, ist gleichzeitig mit einer Verteilungskrise konfrontiert, die mit Armut, Obdachlosigkeit und Verdrängung einhergeht. Dieses New York ist das neue Epizentrum der Coronakrise geworden. Derzeit sind über 180.000 Infektionen mit mehr als 9.000 Toten gemeldet, und die Zahlen steigen täglich. Krankenhausausrüstung wird in der Stadt und im Staat New York knapp. Pfleger und Schwestern berichten, dass sie mit völlig unzureichender persönlicher Schutzausrüstung arbeiten müssen und damit sowohl sich als auch ihre Patient*innen gefährden. Vor den Krankenhäusern überall in der Stadt parken Kühlwagen, die als provisorische Leichenräume dienen. Sirenen heulen Tag und Nacht, und es gab Vorschläge, Parks zu zeitweiligen Friedhöfen zu machen. Das ist New Yorks neue Normalität. 

Die Park Avenue, gesperrt für den Autoverkehr. (Foto: Andreas Günther)

Die Reaktion von Staats- und Bundesregierung kam viel zu spät. Obwohl notwendig, verursachten ihre Maßnahmen neue soziale Probleme. Allein im März hat die US-Wirtschaft 701.000 Arbeitsplätze verloren. In der ersten Aprilwoche haben 6.6 Millionen Menschen Arbeitslosenunterstützung beantragt. Dass die Krankenversicherung in den USA in der Regel zum größten Teil von den Arbeitgebern bezahlt wird, bedeutet, dass Millionen, die jetzt ihre Arbeit verlieren, zugleich auch das Sicherungsnetz der Krankenversicherung verlieren. Selbstständige und Beschäftigte, die wöchentlich bezahlt werden, stehen schon jetzt ohne Geld da. Die Gig Economy ist im Wesentlichen zusammengebrochen oder auf die neuen systemrelevanten Jobs wie den Einkauf und das Liefern von Lebensmitteln ohne wirklichen Gesundheitsschutz angewiesen – wahrlich ein Geschäft mit dem Teufel. 

Die US-Bundesregierung reagierte mit einem 2 Billionen Dollar schweren Hilfspaket. Außer 500 Milliarden für Großunternehmen, Unterstützung für kleine und mittlere Unternehmen sowie Krankenhäuser enthält es eine Einmalzahlung von 1.200 Dollar für Steuerzahler*innen mit kleinen und mittleren Einkommen. In New York ist das noch nicht einmal die Monatsmiete für eine Einraumwohnung. 

In dieser Situation haben viele Kommunen Maßnahmen zur Abmilderung der sozialen Folgen der Krise ergriffen. Der Staat New York setzte für 90 Tage Räumungen (aber nicht die Mietzahlungen) aus, und Los Angeles verhängte eine Mietbremse. Das zeigt, wie ernst die Behörden die Situation sehen und wie sehr sie soziale Spannungen fürchten.

Der Wahlkampf ist mittlerweile praktisch zum Erliegen gekommen. Die meisten Vorwahlen wie auch der Nominierungsparteitag der Demokraten sind verschoben. Jede Chance für ein Comeback von Bernie Sanders wurde zerstört – Sanders setzte seine Kampagne am 8. April aus. Der einzige verbleibende demokratische Präsidentschaftsbewerber, Joe Biden, ist weitgehend unsichtbar und lässt eine klare Oppositionsführerschaft vermissen. Präsident Trump hingegen, trotz seiner unglaublichen Fehleinschätzungen und Versäumnisse, erscheint jeden Abend im Fernsehen und verkörpert mit all seinem Trumpschen Theater den Anführer in der Krise, als den er sich selbst sieht. Das genügte, um ihm Zustimmungsraten von 60% zu verschaffen, doch wir werden sehen, ob das Bestand hat, wenn sich die Krise weiter verschärft. 

Besorgte Beobachter fragen bereits, ob es möglich sein wird, im November ordnungsgemäße Präsidentschaftswahlen abzuhalten. In einem Land, das selbst im Bürgerkrieg Präsidentschaftswahlen abgehalten hat, wäre das eine nie dagewesene Verfassungskrise.

Das New Yorker Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung hat die rasche Entfaltung der Krise auch erfahren. Es verging weniger als einer Woche zwischen der ersten Diskussion darüber, die Anwesenheit im Büro zu reduzieren, und der kompletten Verlagerung der Arbeit ins Homeoffice Mitte März. Viele geplante Veranstaltungen und Projekte mussten abgesagt oder verschoben werden. Unser Team musste sich an neue Arbeitsbedingungen gewöhnen und hatte dabei mit den Schwierigkeiten, die die Situation mit sich bringt, und der Sorge um Verwandte und Freunde zu kämpfen. 

Andreas Günther ist Direktor des New Yorker Büros der Rosa Luxemburg Stiftung.