Wir wollen nicht zur Normalität zurückkehren: Coronavirus und Frauenkämpfe

Von Cinzia Arruzza

Es sind schockierende Bilder aber sie zeigen eine elegante Beharrlichkeit: Erschöpfte, aber entschlossene Krankenpfleger*innen in Arizona stehen ruhig einigen hundert wütenden Trump-Anhänger*innen gegenüber, die im Namen der „Freiheit” eine Wiedereröffnung der Wirtschaft fordern und Beleidigungen und Verunglimpfungen wie „Fake News” und „Verräter” austeilen. Sie können als eindrucksvolle Verdichtung der Konflikte und Widersprüche sowie der sozialen und politischen Dynamiken der gegenwärtigen Pandemie betrachtet werden. Während die Schilder und Äußerungen der Protestierenden auf einen Mangel an sozialer Verantwortung, extremen Individualismus, Selbstgerechtigkeit und die spencerianische Akzeptanz des Untergangs der Schwächeren als „natürlichen Teil des Lebens” hinweisen, zeigt die Antwort der Krankenpfleger*innen eine völlig entgegengesetzte Art und Weise des Umgangs mit der Pandemie – eine, die das Leben der Menschen über Profite stellt, die Fürsorge schätzt und deutlich macht, wie sehr wir alle sozial voneinander abhängig sind.

Demonstranten bei der Open Ohio Rallye, 20. April 2020. (Foto von Flickr-Nutzer Becker 1999, CC BY 2.0)

Krankenpfleger*innen stehen im Kampf gegen das Virus in den Vereinigten Staaten und auf der ganzen Welt an vorderster Front. Sie verrichten ihre Arbeit, während sie gleichzeitig mit einer extremen Knappheit an Ressourcen, Intensivbetten, Beatmungsgeräten und persönlicher Schutzausrüstung (PSA) zu kämpfen haben, die durch jahrzehntelange Sparpolitik, Kürzungen im Gesundheitssystem und die Privatisierung von Krankenhäusern und Kliniken verursacht wurde. Tre KwonKrankenpflegerin am Mount Sinai Krankenhaus und politische Aktivistin in New York City, erklärte bei einer Protestveranstaltung von Krankenpfleger*innen und Gesundheitspersonal zum dramatischen Mangel an persönlicher Schutzausrüstung: „Wir haben gesehen, wie das zwei Milliarden Dollar schwere Konjunkturpaket zur Rettung von Unternehmen die Arbeitnehmer*innen im Stich lässt. Während die Unternehmen geschützt werden, sterben Krankenpfleger*innen, sterben Ärzt*innen.”

Die COVID-19-Pandemie bringt deutlich den grundlegenden Konflikt ans Licht, der zwischen der sozialen Reproduktion, oder der Tätigkeiten des „Lebensschaffens”, und dem wahnsinnigen Streben nach Profit innerhalb der kapitalistischen Produktion besteht. Das neue Virus ist nicht nur eine Folge der kapitalistischen Organisation der landwirtschaftlichen Produktion und der Verwaltung der Umwelt. Der politische und gesellschaftliche Umgang mit der Pandemie wird auch von Dynamiken bestimmt, die mit den Zwängen des Kapitalismus in Bezug auf die soziale Reproduktion zu tun haben. Die Unterfinanzierung der Gesundheitssysteme, die eine der ersten Ursachen für die im letzten Monat weltweit explodierende Zahl der Todesopfer ist, ist Teil einer Reihe von Sparmaßnahmen, die die soziale Reproduktion an verschiedenen Fronten angegriffen haben – von Sozialdiensten und Unterkünften für Opfer von häuslichem Missbrauch und Gewalt bis hin zu Kinderbetreuung, gemeinnütziger Arbeit, Pflegediensten für ältere Menschen, Bildung, Sozialwohnungen, Abtreibungsmöglichkeiten und mehr.

Wie von Rob Wallace und anderenangeprangert, bauen die meisten mathematischen Modelle, die die Ansteckungsentwicklung vorhersagen und die zu Maßnahmen für eine Infektionsverlangsamung und Kurvenabflachung anraten, auf eine implizite Akzeptanz des Neoliberalismus als Rahmen, in dem wir agieren müssen. Diese Herangehensweise zur Pandemiebewältigung stellt eine enorme Belastung für das Verhalten und die Verantwortung jedes und jeder Einzelnen dar, ohne die systemischen Gründe für die aktuelle Katastrophe anzusprechen. Dies wirkt sich besonders dramatisch auf das Leben von Frauen aus. In vielen Ländern wurden Schulschließungen koordiniert ohne Vorkehrungen für Frauen zu treffen, deren Aufwand für die Kinderbetreuung sich durch die Lockdowns stark erhöhte. Für Opfer häuslicher Misshandlung (Frauen, Kinder und LGBTQ+-Personen), für die das Zuhause überhaupt kein sicherer Ort ist, wurden bei den Ausgangsbeschränkungen in der Regel keine Vorkehrungen getroffen obgleich die UN bereits davor gewarnt hat, dass wir es mit einem Anstieg an häuslicher Gewalt zu tun haben. Darüber hinaus stellen Frauen die große Mehrheit der Arbeitskräfte, die in mehreren systemrelevanten Sektoren beschäftigt sind – von Krankenhäusern bis hin zu Lebensmittelgeschäften und Apotheken. Sie sind diejenigen, die weiterhin zur Arbeit gehen und ihr Leben riskieren, indem sie sich überproportional dem Virus aussetzen, um dem Rest von uns die Möglichkeit zu geben zu überleben.

In Ländern wie den Vereinigten Staaten sind diese Arbeitskräfte zudem stark racialized, d.h. größtenteils sind es Arbeiter*innen of color. Während also das Virus anscheinend in stärkerem Umfang Männer befällt, stellt es aufgrund des sozialen Umgangs mit der Ansteckung eine große Gefährdung für einige spezifische soziale Sektoren dar, zu denen Männer und Frauen of color in systemrelevanten Berufsgruppen gehören. Um die Gender- und Race-spezifische Dimension der Pandemiebedrohung zu erkennen, ist es angemessen, die Daten über die Todesfälle durch das Coronavirus aus New York City heranzuziehen. Auf Grundlage der der Daten vom Aprilbeträgt die Sterberate unter Latinx New Yorker*innen 22 Todesfälle pro 100.000 Menschen, unter Afro-Amerikaner*innen beträgt sie 20. Im Gegensatz dazu sind 10 von 100.000 weißen New Yorker*innen an COVID-19 gestorben. Diese Zahlen sprechen nicht nur für eine größere Gefährdung durch das Virus für New Yorker*innen of color aus der Arbeiterklasse, sondern auch für die Racialization des Gesundheitswesens, die dazu führt, dass diesen Bevölkerungsgruppen of color eine qualitativ hochwertige Versorgung viel weniger zugänglich ist.

So wie die Pandemie die Race-, Gender- und Klassenbeziehungen, die unsere Gesellschaften strukturieren, auf so scharfe und tragische Weise ans Licht bringt, sollte sie uns auch dazu bewegen, das zu kritisieren und anzuprangern, was vor der Pandemie als Normalität galt. Angesichts der hervortretenden Rolle, die Frauen und feminisierte Menschen im Kampf gegen die Pandemie – und gegen ihre neoliberale Politik – spielen, ist es kein Zufall, dass einige der scharfsinnigsten Ansätze gegen eine Rückkehr zur Normalität von feministischen Bewegungen und Aktivist*innen kommen. für den 1. Mai einen Aufruf zum Handelnentworfen, der von Bewegungen und feministischen Organisationen aus einer Reihe von Ländern unterzeichnet wurde, von Argentinien und Chile bis Kurdistan, Italien und Frankreich. Dieses Cross-Border Feminist Manifesto greift zunächst den Leitspruch der chilenischen feministischen Bewegung auf: „Wir werden nicht zur Normalität zurückkehren, denn die Normalität war das Problem: Die globale feministische und transfeministische Bewegung, die mit dieser neuen globalen Gesundheits-, Wirtschafts-, Ernährungs- und ökologischen Krise konfrontiert ist, wird nicht vor der Isolation kapitulieren und wird ihre Kämpfe nicht verstummen lassen angesichts der einschränkenden Maßnahmen, die in unseren Ländern zur Bekämpfung des Coronavirus ergriffen wurden.”

In sieben Thesen Coronavirus ergriffen wurden.” In sieben Thesen, die Anfang April veröffentlicht wurden, hat das Marxist Feminist Collective begonnen zu skizzieren, was nicht zur Normalität zurückzukehren bedeuten könnte. In diesen Thesen fordern sie: den Entzug von „Gesundheit, Bildung und anderen lebensschaffenden Aktivitäten” vom Zugriff der Märkte; die Investition von Konjunkturpaketen nicht in die Rettung privater Unternehmen, sondern in lebensschaffende Arbeit; soziale Anerkennung und bessere Löhne und Arbeitsbedingungen für Arbeiter*innen der sozialen Reproduktion; die sofortige Freilassung der inhaftierten Migrant*innen in Aufnahmezentren, Haftanstalten und Gefängnissen; und die Übernahme von Care-Reformen und -Mechanismen, die derzeit experimentell von „Mutual Aid”-Organisation entwickelt werden. Ganz allgemein besteht, wie Lucia Cavallero and Veronica Gagofeststellen, eine der größten vor uns liegenden Herausforderungen darin, dafür zu sorgen, dass das gegenwärtig Aussetzen der Sparmaßnahmen aufgrund der Pandemie nicht nur vorläufig bleibt, sondern vielmehr den Beginn eines neuen Kurses markieren. Deswegen bestehen sie unter anderem auf der Notwendigkeit eines Quarantäne-Einkommens, um nicht in den Kreislauf einer neuen persönlichen Verschuldung zu geraten, der durch Lockdowns und der Anordnung von Ausgangsbeschränkungen ausgelöst wird.

In einem Kontext, in dem der Druck des Big Business zur „Wiedereröffnung der Wirtschaft” und zur Beendigung der Lockdowns wächst und immer lauter wird – auch ohne die erforderlichen Mindestvoraussetzungen für die Sicherheit und Gesundheit aller – stehen wir vor einer der wichtigsten politischen Herausforderungen unseres Lebens. Wie diese Pandemie deutlich macht, ist „Barbarei“ keine potentielle Zukunft, sondern unsere gegenwärtige Form des gesellschaftlichen Lebens. Unsere Normalität war barbarisch, und der einzige Weg, nicht zu einer noch schlimmeren Version davon zurückzukehren, ist, wie spanische Feministinnen in den letzten drei Jahren wiederholt haben, „cambiarlo todo”, alles zu ändern.

Cinzia Arruzza ist Assistant Professor für Philosophie an der New School for Social Research und war eine der Organisator*innen des Internationalen Frauenstreiks 2017 und 2018 in den USA. Sie ist die Autorin von Dangerous Liaisons. The Marriages and Divorces of Marxism and Feminism (Merlin Press 2013), A Wolf in the City. Tyranny and the Tyrant in Plato’s Republic (Oxford University Press 2018) und die Co-Autorin (mit Tithi Bhattacharya und Nancy Fraser) des Feminism for the 99%. A Manifesto (Verso Books 2019, in Kürze in 26 Sprachen veröffentlicht, auf Deutsch erschienen von Matthes & Seitz Verlag 2019, Feminismus für die 99%. Ein Manifest).

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