Die Bewegungen in der Pandemie

Raúl Zibechi

Indigene Völker auf den Straßen der Innenstadt von São Gabriel da Cachoeira, Amazonas, Brasilien, 28. April 2020 (Foto: Paulo Desana / Dabakuri / Amazônia Real)

„Es gibt Zeiten des Kampfes, Zeiten des Friedens, Zeiten des Krieges und Zeiten der Epidemien“, erläutert Dilei in einer WhatsApp-Nachricht. Die Aktivistin der Landlosenbewegung (Movimiento Sin Tierra, MST) aus dem im Nordosten von Brasilien gelegenen Bundesstaat Paraíba schildert, wie die Bewegung mit der Situation umgeht. In den Lagern und Siedlungen wurde beschlossen: Niemand darf sie verlassen, niemand von außen sie betreten. Niemand darf in die Städte fahren, alle sollen sich auf die Gesundheit und Nahrungsmittelproduktion konzentrieren.

„Die Bevölkerung wird in der nächsten Zeit viele Lebensmittel benötigen“, versichert Dilei. Deshalb wird die MST den Regierungen der Bundesstaaten vorschlagen, ihr einen Teil ihrer Erzeugnisse abzukaufen, um Krankenhäuser und andere Einrichtungen, bei denen ein dringender Bedarf besteht, zu versorgen. In den Bundesstaaten Pernambuco und Maranhão verteilt die MST Lebensmittel an Menschen, die auf der Straße leben. Des Weiteren bietet die Bewegung in verschiedenen Bundesstaaten ihre Areale an, um dort Feldkrankenhäuser zu errichten.

Die ländlichen, indigenen und kleinbäuerlichen Bewegungen haben sich dafür entschieden, niemandem Zutritt zu ihren Gemeinschaften zu gewähren. Für sie ist die Isolierung unerlässlich, um Ansteckungen zu verhindern.

Die Organisationen, die dem Dachverband Konföderation der indigenen Nationalitäten Ecuadors (Confederación de Nacionalidades Indígenas del Ecuador, CONAIE) angehören, haben den Beschluss gefasst, ihre Gemeinden abzuriegeln. Sie aktivieren die indigenen Wachen, sagen die Feste ab und arbeiten Protokolle für den Umgang mit der Pandemie aus. Das Recht der 14 indigenen Nationalitäten und 18 indigenen Völker Ecuadors, sich abzuschotten, ist in der Verfassung verankert. Die Gemeinschaften setzen dies nun um.

Im Süden Kolumbiens haben die Gemeinderäte („cabildos“), die den Regionalen Indigenen Rat des Cauca (Consejo Regional Indígena del Cauca, CRIC) bilden, ähnliche Maßnahmen getroffen. Am 27. März 2020 verabschiedete der indigene Gemeinderat des Volkes der Totoroez einen Beschluss, der den Zutritt von anderen Bevölkerungsgruppen einschränkt. Dadurch „soll die physische, geistige und seelische Harmonie gewahrt und dem Auftreten und der Ausbreitung der Covid-19-Pandemie vorgebeugt werden“.

In der Regel brauchen die autochthonen Völker die Polizei nicht, um die Ordnung aufrechtzuerhalten, denn sie haben ihre eigenen Gemeindewachen.

Sie schlagen einen ähnlichen Weg ein, wie ihn die mexikanische Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung (Ejército Zapatista de Liberación Nacional, EZLN) angekündigt hat: Die EZLN schloss am 16. März den Zugang zu ihren regionalen Zentren der Selbstverwaltung („caracoles“). In einem Kommuniqué, in dem die „Alarmstufe rot“ ausgerufen wird, drängt die EZLN auf kollektive sanitäre Maßnahmen und bittet darum, „den menschlichen Kontakt nicht zu verlieren“, sondern seine Form zu verändern.

In den ländlichen Regionen unseres lateinamerikanischen Kontinents haben Kleinbäuer*innen, autochthone Völker und afrikanischstämmige Bevölkerungsgruppen, die eine territoriale Kontrolle ausüben, die Möglichkeit, ihre Lebensräume zu schließen. Wie die Zapatisten sind sie in der Lage, für eine gewisse Zeit von den selbst – und teilweise biologisch – angebauten Nahrungsmitteln zu leben.

Die große Herausforderung für die Bewegungen ist die Stadt. Dort spielen die Klassenunterschiede eine bedeutsame Rolle und der Staat ist stark präsent. Die Mittelschicht durchlebt die Isolierung in komfortablem und für alle vier Jahreszeiten ausgestattetem Wohnraum. Das ist etwas ganz anderes, als sich in dieser Zeit in den prekären Behausungen der Unterschichtsviertel aufhalten zu müssen. Die Familien leben hier zusammengepfercht, sind extremer Kälte oder Hitze ausgesetzt, haben keine sanitären Einrichtungen und kaum Nahrungsmittel. In der Mittelschicht gibt es einen Computer pro Person, unter den Ärmsten gibt es vielleicht einen oder gar keinen in der gesamten Familie.

In Montevideo sind mit der Unterstützung von Gewerkschaften und Anwohner*innen in den Stadtvierteln Dutzende von Volksküchen entstanden, ungefähr 70 bis 100. Einige Gewerkschaften bringen Tabletts und Beutel mit Lebensmitteln in die Stadtviertel. Andere sind dabei, selbstverwaltete Suppenküchen einzurichten, von denen es bereits ein paar gibt.

Aufgrund der Erfahrungen, die er in den letzten Tagen in den ärmsten Stadtvierteln Montevideos gemacht hat, kommt Pablo Elizalde von der Gewerkschaft der Justizangestellten zu dieser klaren Schlussfolgerung: „Durch die Sozialpolitik gingen die Bezugspunkte auf Stadtteilebene verloren und jetzt ist die staatliche Institution die einzige Referenz.“ Aber die Institution ist kalt, distanziert, sie versteht nur Zahlen. Sie ist nicht in der Lage, sich zu kümmern, wirkliche Empathie zu entwickeln.

Timo, aus der Favela Maré in Rio de Janeiro, erklärt, wie schwierig es ist, sich an Orten, an denen es kein Wasser gibt, die Hände zu waschen. Dort werden auch kaum agroökologische Produkte konsumiert. Seine kleine Gruppe mit dem Namen Roça stellt handwerklich gebrautes Bier her und widmet sich der Aufgabe, Körbe mit Bioprodukten an einige Familien zu verteilen.

„Die Dynamiken in den Favelas, einer gewaltsamen militärischen Besetzung oder einem Virus die Stirn zu bieten, unterscheiden sich gar nicht so sehr“, meint Timo am anderen Ende der Leitung. Jetzt wurden die agroökologischen Märkte der Kleinbäuer*innen bis auf Weiteres untersagt, was alles noch komplizierter macht. Wir sind uns einig, dass die sich für immun haltenden Halbstarken, eines der größten Probleme darstellen und kommen zu dem Schluss, dass jeder dieser Halbstarken ein kleiner Bolsonaro ist: autoritär, gewalttätig, der auf den Rest herabschaut.

In La Paz hat das selbstverwaltete Frauenzentrum „Virgen de los Deseos“ des feministischen Kollektivs „Mujeres Creando“ beschlossen, seine Räume für zwölf an der Grenze zu Chile gestrandete bolivianische Frauen und Kinder zu öffnen, heißt es im Brief von María Galindo. Sie werden dort ihre Quarantänezeit verbringen.

In den argentinischen Städten sind die von Pfarreien und Basisbewegungen betriebenen Essenstafeln überlaufen. Zehntausende dieser Essenstafeln sind geschaffen worden. Der Blick richtet sich aber auch auf das Autonome, das meist klein ist: An der Peripherie von Córdoba, im Stadtviertel „12 de Julio“, hat Yaya mit Unterstützung des Stadtteilpfarrers und den „trashumantes“ (Mitglieder des Kollektivs für Bildung von unten „Universidad Trashumante“) eine Suppenküche eingerichtet, in der 33 Kinder essen. Wöchentlich werden etwa 50 Mahlzeiten ausgeteilt.

Zu den am meisten betroffenen Gruppen gehören auch die sogenannten „carreros“, die mit ihren Pferdekarren Altkarton sammeln sowie diejenigen, die Bauschutt abräumen, um ihn wiederzuverkaufen. Zu diesem Sektor gehören auch die zahlreichen Müllsammler*innen, die auf der Suche nach verwertbarem und wiederverkaufbarem Material den Müll durchstöbern. Wer könnte sie auffordern, angesichts der Pandemie zu Hause zu bleiben?

In den städtischen Peripherien Lateinamerikas existiert das Wort „Homeoffice“ im Wortschatz der Menschen nicht. Für den Staat sind die ganz unten nur ein Problem der öffentlichen Ordnung. So bleibt nur die Solidarität unter den Armen. Deshalb haben die „curas villeras“, die Priester in den Armenvierteln, ihre Pfarreien geöffnet, um sie in Lebensmittellager und Suppenküchen zu verwandeln. Das Kollektiv „Pelota de Trapo“, das Straßenkinder in der Peripherie von Buenos Aires begleitet, verteilt aus eigenen Mitteln alle zwei Tage Mahlzeiten an 200 Kinder.

Die Basisorganisation „Organización Popular Francisco Villa de Izquierda Independiente“ aus Mexiko-Stadt hat neun Quartiere beziehungsweise Siedlungen in Mexiko-Stadt aufgebaut. Die auch unter dem Namen „Comunidad Acapatzingo“ bekannte Siedlung „La Polvorilla“ im bevölkerungsreichen Bezirk Iztapalapa ist mit 600 Familien die größte. Die anderen acht mit jeweils über 50 Familien finden sich über weitere Stadtbezirke verteilt.

Die Organisation hat diese Siedlungen abgeriegelt. Die Arbeit dort wird in Kommissionen und Brigaden organisiert: Mundschutz und Desinfektionsmittel werden in Eigenherstellung produziert, Radio und Zeitungen dienen als Kommunikationsmittel und für Anweisungen zu Gesundheit und Selbstfürsorge. Das Wichtigste ist ihre Entscheidung, „organisiert zu bleiben“. Die Mitglieder wissen, dass die Menschen „von unten“ ohne Organisation nicht zählen.

Sie legen Medikamenten- und Lebensmittelvorräte an, richten Gemeinschaftsküchen ein und kümmern sich vor allem um die am stärksten gefährdeten Personen. Mitten in der Stadt pflegen sie ihre Gemüsegärten, schaffen Räume für die Isolation, fördern Kinderkomitees und nehmen sich vor, „an unseren Gefühlen zu arbeiten“. Sie wissen, dass die Wasserversorgung ein grundlegendes Problem ist, obwohl Acapatzingo einen eigenen Brunnen hat und das Regenwasser aufgefangen wird.

Im Stadtviertel „Bañado Sur“ der paraguayischen Hauptstadt Asunción ist am Eingang zu einer der Volksküchen auf einem Plakat zu lesen: „Der Staat kümmert sich nicht um uns. Wir Armen kümmern uns gegenseitig um uns selbst“. Diese Volksküche wurde von den Anwohner*innen eingerichtet. Hier essen täglich Hunderte von Kindern, älteren Menschen und Bewohner*innen eines der ärmsten Stadtviertel Lateinamerikas.

Fast die gesamte Bevölkerung der am Paraguay-Fluss in Asunción gelegenen Armenviertel „Los Bañados“ lebt vom Müllsammeln. Der Name “Los Bañados” (wörtlich: die Gebadeten) kommt daher, dass dieses Gebiet oft von Überschwemmungen betroffen ist. Der mit Pferdekarren, Handwagen und kleinen dreirädrigen Motorradlastern gesammelte Müll wird sortiert und wiederverwertet. Die Menschen durchstöbern die größte städtische Mülldeponie Cateura, aber sammeln auch Altkarton und Plastik auf den asphaltierten Straßen der Hauptstadt.

Die „Bañados“-Bezirke entstanden in den 1950er-Jahren infolge der Abwanderung aus den ländlichen Gebieten, aus denen die Bevölkerung von den Viehzüchtern und lokalen Spitzen der rechtskonservativen Colorado-Partei vertrieben wurde. In jüngster Zeit sind es die Sojaproduzenten und die Drogenmafia, die sich gegen die Kleinbäuer*innen verbündet haben. Heute leben in den „Bañados“ mehr als 100 000 Menschen in prekären Behausungen an unbefestigten Straßen. 60% der Bevölkerung des Bezirks „Bañado Sur“, einer der vier großen „Bañados“, ist unter 30 Jahre alt.

Am anderen Ende der Telefonleitung spricht Giovanna Minardi, eine junge Frau, die in der Studierendenbewegung aktiv war und seit einigen Jahren in „Bañado Sur“ lebt. Sie gehört der Koordination für den Kampf um Land (Coordinadora de Lucha por la Tierra) und dem Volkswiderstand der Bañados (Resistencia Popular Bañadense) an. „Hier gibt es mehr als zehn Viertel. In den meisten Familien hat niemand eine feste Arbeit, da wir überwiegend im informellen Sektor arbeiten, recyceln, oder Straßenverkäufer und Bauarbeiter sind. Die Frauen arbeiten als Verkäuferinnen oder als Haushaltshilfen. Nun werden wir aufgefordert, zu Hause zu bleiben, aber dann haben wir nichts, was wir auf den Tisch bringen können.“

Der Staat hat keinen Plan, der den gefährdeten Familien helfen könnte. Nur drei Wochen nach Beginn der Quarantäne erhielten einige Familien 500 000 Guaraníes (etwas 75 US-Dollar), weniger als ein Drittel des Mindestlohns. Deshalb begannen sie – mit Unterstützung der vor 9 Jahren gegründeten Koordination für den Kampf um Land – Volksküchen zu organisieren.“

„Wir betreiben elf Volksküchen in sieben Vierteln des ‚Bañado Sur‘. Jede ernährt durchschnittlich 100 bis 180 Familien, wobei Kinder und ältere Menschen Vorrang haben. Die Volksküchen werden weder vom Staat noch von Organisationen, die parteipolitische Interessen verfolgen, unterhalten. Sie existieren dank der Unterstützung der arbeitenden Menschen, von Menschen, die nicht im Viertel wohnen, aber seit mehr als einem Monat Lebensmittel zusammentragen.“

Nichts von dem hier Wiedergegebenen habe ich im Internet gelesen. Es ist vielmehr das Ergebnis von Austausch und des Zuhören, etwas, was fortgesetzt wird. Müsste ich es zusammenfassen, würde ich sagen: Wir hier unten brauchen einander, um unsere Gemeinschaften aufrechtzuerhalten. Das ist der Weg, um das Leben zu erhalten. Gemeinschaft und Solidarität, das sind die Zärtlichkeiten der Menschen von unten.

Raúl Zibechi is a journalist and popular educator who accompanies grassroots processes in Latin America.

The original version of this article was published by Desinformemonos Übersetzung aus dem Spanischen von Dorothea Hemmerling

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